Dienstag, 12. Mai 2009

Zündels Abgang - Spirale in den Untergang















Aus tagebuchartigen Aufzeichnungen, persönlichen Erinnerungen und Gesprächen rekonstruiert und dokumentiert der fiktive Erzähler, der Pfarrer (warum gerade ein Geistlicher? vertrauen Menschen die kurz vor dem Untergang sind eher Pfarrern als anderen?), die letzten Wochen vor dem Verschwinden seines Freundes, des Lehrers Konrad Zündel. Nach dem Verlust eines Zahns bricht Zündel eine Urlaubsreise ab und kehrt zu seiner Frau Magda zurück, die den Sommer lieber alleine verbracht hätte und nach einem (kleinen) Streit zu ihrer Schwester fährt. Für Zündel ist dies Anlass nach Genua, dem Ort seiner Zeugung, zu fahren, um sich dort dem Alkoholrausch und Gedanken über Gott und die Welt, Liebe und Selbstmord hinzugeben.

Es gelingt Markus Werner in "Zündels Abgang" ausgezeichnet, den Leser spüren zu lassen, wie der Protagonist immer mehr im Elend versinkt und in den Strudel der Resignation gezogen wird. Das katastrophale Ende zeichnet sich in nachvollziehbaren Schritten ab.

Was will Markus Werner damit? Ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse? Ein Spiegel der unterschiedlichen Typen von Persönlichkeiten, die mit Krisen besser/oder schlechter umgehen können?
In schmerzhafter Echtheit schreibt Markus Werner was es heißt Mensch zu sein - zutiefstes Menschsein.

Dies war mein erstes Mal bei/in/mit Latur. Spannend und herausfordernd - auf in den nächsten Roman...

2 Kommentare:

hat gesagt…

"Wir schlachten nicht, wir reichen dem Metzger das Handtuch, nachher." (S.7)

"Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedengestelltes Schwein. J.S. Mill 1861. (S.8)

"Wirklich, der Intakte hat gut Sprüche klopfen. Sobald ihm die Haare ausfallen, pfeift auch er vorübergehend auf den Hunger in der Dritten Welt." (S.9)

"[...]diese Lehrer vor allem (aber auch undsoweiter), diese Nebenherliteraten, die den Durchschnitt um genau jenen Millimeter überragen, der nötig ist, um die eigne Mittelmäßigkeit wahrzunehmen und an ihr leiden zu können..."(S.13)

"Pausenlos muß man sich bewähren. Alles ist feindlich, alles, was mir begegnet, überfordert mich." (S.14)

"Beizeiten lernt jeder, sich untragbar zu finden. Die Menschheit rekrutiert sich aus ehemaligen Bettnässern, die das Gefühl existentieller Deplaziertheit nie loswerden." (S.14/15)

"Ich verstehe wenig, doch möchte ich nichts mehr verstehen. Eines Tages möchte ich erwachen und spüren: Ab heute ist Schluß, ab heute wird nichts mehr begriffen.
Das Ende der Billigung ist da. Das Ende der Verdammung ist da. Ich möchte auf einer Bank sitzen in einem Park und sagen können: Mir fällt zu allem nichts mehr ein." (S.23)

"Ich will das Gefühl, nicht das Vorgefühlte, die Tat, nicht das Buch. Ich erkläre hiermit - bis auf Abruf - die ungefilterte Wirklichkeit zu meinem Triebziel, und damit ist mir ernst.
Der Geist - das steht bei aller Sympathie fest und läßt sich belegen - der Geist drosselt die Lebensfreude." (S.34)

"Wird nicht jede Schuld durch verstärkten Selbstterror hinreichend abgegolten?" (S.35)

"Abgesehen davon schreibe ich für mich und auch für den verstummten Konrad, nicht für eine Welt, die Wohlwollen verlernt hat, nicht für eine Welt, die sprachliche Wendungen kritisiert, aber Elend duldet." (S.45)

"Die Wirklichkeit - seelenruhig fürchterlicher und unbeschreiblicher werdend von Tag zu Tag - zwingt entweder zu totalem Rückzug oder zum jaulenden Anarchismus. -
Weder vermag ich den Weltlauf abzulenken in die Richtung eines tragbaren Ideals, noch vermag ich das Ideal so abzubauen, daß, an ihm gemessen, der Weltlauf tragbar erschiene. - Ach Scheißdreck. Der Lebensabend beginnt bei der Geburt.- Ach... (S.65)

"Ich bin immer müde, hunderttausend Stunden lang möchte ich anschlafen gegen den Weltlauf." (S.24)

"Der Alkohol macht mich gegenwartstauglich [...] Vielleicht ist die Liebe zum Alkohol das Produkt einer Kultur, die jede Lebensminute für kommentarbedürftig und für kontrollwürdig und für rechtfertigungspflichtig erklärt." (S.72)

"Man könnte zwar sagen, die Ursache einer Lebensbetrübnis bestehe in der Summe aller Mißgeschicke. Aber dagegen spricht die Tatsache, daß auch hundert Mißgeschicke es nicht fertigbringen, einem Daseinsfrohen seine Daseinsfreude zu rauben. Wenn es also Lebenslust trotz und mit Mißgeschicken gibt, müßte man eigentlich auch eine Lebens-Unlust gelten lassen, die ohne Mißgeschicke auskommt. (Nebenbei: Warum werden jenen, die alles haben und trotzdem unglücklich sind, geringer geschätzt als die, welche nichts haben und trotzdem glücklich sind? Erklärungsbedürftig ist beides, aber nur der unglückliche ist zur Auskunft verpflichtet.)" (S.86)

hat gesagt…

"Aber die Menschheit ist wohlgemuter als je, huldigt dem Positiven, himmelt die kraftmeierischen Greise und Halbgreise an, die als Politiker die Geschicke lenken und die darum mit Gedröhn einherschreiten und mit dem Säbel rasseln, weil sie Gevatter Tod verdrängen. Sie leben, solange sie stark sind! Und die Menschheit fühlt ähnlich, ist in Muskeln vernarrt, betet das Erz an, den Stahl, den Beton und alles, was hart und dauerhaft ist und nicht so vergänglich wie sie. - Kennt ihr die Neutronenbombe? Ja? Wißt ihr, das sie ein Produkt der modernen Liebe ist? Ein Produkt jener Anbetung, von der ich eben sprach? Wißt ihr, daß sie - diese blütenreine Waffe - das Hochhaus und den Bunker, die Autobahn und die Flugpiste zärtlich verschont und sich beschränkt auf die Vernichtung der schmalbrüstigen Mutter Natur? - Kurz und gut, es gab eine Zeit, wo der Mensch sich seiner Schwäche nicht schämte, wo der Mensch seine Nichtigkeit weder mit Body-Building noch mit Wolkenkratzern noch mit Marschflugkörpernprogrammen übertünchte, wo der Mensch sich zu sehen wagte in seiner ganzen lumpigen Invalidität." (S.100)

"Seid wachsam! Hütet euch vor der Verbrüderung mit der Realität! Sobald ihr, sei es aus Anlehnungsbedürfnis, sei es aus Laufbahngeilheit, den Pakt mit ihr geschlossen habt, seid ihr des Teufels. Und wißt ihr, warum? Das Reale war anfangs identisch mit dem Göttlichen. Aber die Geschichte der Welt ist die Geschichte einer Zerfleischung. Und heute hockt Satan auf dem hintersten und letzten Zipfel der Wirklichkeit. Und damit ist diese Wirklichkeit identisch geworden mit dem Diabolischen! - Wie sieht denn ein moderner Lebenslauf aus? Abstoßend. Abstoßend und dreiaktig.
Dreiaktig wie eine Komödie.
Erster Akt: Auflehnung gegen das Seiende, also Böse.
Zweiter Akt: Anpassung an das Seiende, also Böse.
Dritter Akt: Bejahung des Seienden, also Bösen. - Aber fremd ist euch die Sprache der Wahrheit. Anders habt ihr's gelernt, nämlich so:
Erster Akt: Pubertärer Idealismus.
Zweiter Akt: Reife.
Dritter Akt: Vollreife, Weisheit, Abgekärtheit. So und nicht anders habt ihr's gerlernt, und darum gibt es für euch nichts Erstrebenswerteres als den Intimverkehr mit dem Realen, das aber heißt: mit dem Teuflischen." (S.105)

zitiert aus der ungekürzten DTV Ausgabe (18. Auflage 2007)